Vielleicht ist noch nicht alles verloren

Diskussion zur Zukunft Kalks im Odysseum
v.l.n.r.: Thomas Puy-Brill, Bernd Odenthal, Norbert Burger, Dr. Hildegard Stausberg, Konrad Adenauer, Rainer Kreke

 

„Nur schäl Sick oder Boom-Standort mit Perspektive?“ Unter diesem vielleicht für massenmobilisierend gehaltenen Titel hatte der Kölner Presseclub, namentlich Dr. Hildegard Stausberg, gestern zu seinem ersten rechtsrheinischen Diskussionsabend geladen. Der gewählte Ort für das Stelldichein stadt- und bürgernaher Vertreter war kein weniger passender als das Odysseum, dessen Ruf als „Erlebnishaus des Wissens“ schon früh der geplanten Weiterbebauung Kalks vorauseilte und große Erwartungen für den Stadtteil weckte (wenn auch PR-schriftlich seinerzeit in Köln Deutz verortet).

An Ort und Stelle liegt, so Norbert Burger, von 1980 bis 1999 Oberbürgermeister der Dom-Stadt, „das Herz des rechtsrheinischen Kölns“. Als der heute 78-Jährige in seiner Amtszeit vor der Industriebrache der Chemischen Fabrik stand, habe er die „Vision einer City des 21. Jahrhunderts“ vor Augen gehabt, „mit hohen Bauten aus Glas und Stahl, so dass ein schöner Spannungsbogen vom mittelalterlichen linksrheinischen Köln ins hochmoderne Kalk entstehe, auf das man mit Stolz herüber blickt und welches ausstrahlt nach Brück, Mülheim und Porz.“ So ein Stolz kann nach seiner Ansicht viel eher das viel vermisste Wir-Gefühl zwischen Rechts und Links des Rheins bewirken als Veedel-interne Integrationsbemühungen die ja doch nur über Generationen und schwer von außen zu erringen seien, wie Rainer Kreke, Vorstand Stiftung KalkGestalten später freimütig einräumte.

Von dieser inhärenten Stärke ist Burger überzeugt: „Köln hat 2000 Jahre Erfahrung in der Aufnahme von Fremden. Die Integrationskraft der Stadt ist riesig.“ Bedauernswert findet er an diesem Abend aber, dass Stadtplanungsamtsleiterin Anne Luise Müller als einzige der insgesamt sechs Geladenen und nicht zuletzt einzige Entscheidungsmächtige nicht erschien: „Ich hätte sie gerne gefragt, was sie für eine Vision für das Herz des Rechtsrheinischen gehabt hat.“ Das Bedauern ist bei allen anderen Anwesenden. Müller hatte sich wegen Krankheit entschuldigen lassen und ihren Stellvertreter wegen Urlaub. Bei Häppchen und Kölsch in Gesellschaft wie echt drohender Dinosaurier wurde später informell gemunkelt, der Stellvertreter habe im Publikum gesessen, sich jedoch nicht zu erkennen gegeben.

Vielleicht wäre es ihm schlecht bekommen. „Vermasselt“: Für seine Bewertung des baulichen Ist-Zustandes in Kalk zwischen der Straße des 17. Juni, Kunft- und Kalker Hauptstraße erhielt Burger kräftigen Beifall, hörbar auch als Abwatsche für Kölns Stadtplanung, die Burger „sehr kritisch“ findet. „Hier ist Klein-Klein gemacht worden. Ich hätte mir Großes gewünscht. Man setzt doch keinen Baumarkt, McDonald, kein Parkhaus ins Herz eines Stadtteils!“

Vielleicht ist noch nicht alles verloren? Konrad Adenauer, seit zwei Jahren Vorsitzender des Kölner Haus- und Grundbesitzervereins, findet ebenfalls, dass aus dem „Kalker Feld nicht das rausgekommen ist, was man wollte“, ist sich indes „sicher, dass im Rechtsrheinischen noch genügend Reserven schlummern“. In Mülheim liegt er wahrlich nicht falsch, denn da, wo früher Stahlseile gespannt wurden, haben sich längst Werbe-, Veranstaltungsagenturen und Filmproduktionen niedergelassen.

Dem visionären Immobilienunternehmer Bernd Odenthal und nicht etwa weitsichtiger Kölner Stadtplanung ist es zuzuschreiben, dass sich aus der Industriebrache Schanzenstraße ein Magnet für die Kreativwirtschaft entwickelt hat. Odenthal hat sich von den „Problemen, mit denen man als Privater in Köln zu kämpfen hat“, nicht klein kriegen lassen, sondern bis dato insgesamt rund 60.000 Quadratmeter rechtsrheinische Industriebrachen saniert und erfolgreich neuer Nutzung eröffnet, darunter E-Werk und Palladium. Zu den Konzerten und Firmenveranstaltungen, die hier stattfinden, kommen im Jahr durchschnittlich 500.000 Besucher, doch erst, seit die Kölner Oper zwischenzeitlich ins Palladium ausgelagert wurde, hat die KVB eine Busverbindung eingerichtet – für ein geschätztes Stammpublikum von 1000 Opern-Abonnenten. Für Odenthal grenzt das an einen Schildbürgerstreich. „Schlimm ist, dass ein Überbau, eine klare Stellungnahme fehlt“, so der einstige BAP-Keyboarder. „Anstelle von Stadtplanung haben wir es in Köln mit einem Kuddelmuddel von Meinungen zu tun. In den Zeitungen stehen auch nur lancierte Meinungen, die Einzelinteressen Rechnung tragen. Investoren schreckt das ab, denn so kann keiner erkennen, was zu erwarten ist.“

Dass für Investoren kein Verlass auf Ratsbeschlüsse besteht, hält auch Adenauer für ein „Hauptdilemma in Köln“. Burger hat eine Begründung parat und die Lacher auf seiner Seite: „Kölsche haben was gegen Planung, denn dann könnten sie nicht mehr klüngeln. Wenn sie mal einen Plan haben, hören sie mittendrin auf, man denke nur an die Stadtautobahn. Köln besteht seit dem Mittelalter nur aus Ausnahmegenehmigungen.“ Heraus kommt: Polizeiparkhaus statt Kino, Wohnwagenabstellfläche statt Musical Dome.

Thomas Puy-Brill, Odysseum Geschäftsführer, erinnert sich an die Zusagen, die ihm 2007 gemacht wurden, als „alles noch ein großes Nichts war, im Hintergrund die schönen Köln-Arcaden“. Von „mehr Kultur und Restaurants“ sei da die Rede gewesen, dem idealen Umfeld für ein Erfahrungsmuseum. „Diese Chance wurde vertan. Machbar wäre es gewesen, eingehalten wurde es aber nicht.“ Puy-Brill erzählt, wie er bei der Gestaltung des Odysseum-Logos besonderen Wert auf edle Zurückhaltung gelegt hatte. Jetzt geht dieses inmitten aufdringlich leuchtender Märkte-Lettern unter – ein Science Center im gemischten Gewerbegebiet.

„Das ist nicht nur keine Stadtplanung und keine Stadtkultur, das ist ein Missachten der Bürger!“, findet das Publikum, so Prof. Peter Canisius vom Aktionsbündnis Stadtbaukultur. „Gute Investoren werden verjagt, miese gewonnen.“

Dem Kalker Uhlmann liegt der Kalkberg am Herzen: „Köln hat sich längst committed, den Kalkberg zum Solarberg zu gestalten. Jetzt soll hier ein Hubschrauberlandeplatz entstehen. Wieviel Lärmbelästigung müssen wir uns noch bieten lassen?“

„Die Entscheidungen müssen auf die Rheinseite verlagert werden, die sie angehen“, fordert Manfred Kreische, „wir brauchen so etwas wie einen Grundstücksfonds, so dass wir auch von anderen lernen können.“

Odenthals Tipp für Kalk ist „die 6000er/7000er Halle“ – eine oft angefragte und in Köln fehlende Größenordnung oder eine Sporthalle, wie es sie früher schon mal gab. „Die Veranstalter würden uns die Tür einrennen, aber dazu bräuchte es auch eine extra Haltestelle durch die KVB.“

Wahl-Kalkerin Dagmar Glauch schlägt vor, den Rosenmontagszug ins Rechtsrheinische zu führen. Dann müssen zwangsläufig alle Kölner mitziehen.

Henrik Link zur Veranstaltung
http://www.google.com/calendar/event?action=TEMPLATE&text=Vielleicht%20ist%20noch%20nicht%20alles%20verloren&dates=20110907T225800Z/20110907T225800Z&details %20„Nur%20schäl%20Sick%20oder%20Boom-Standort%20mit%20Perspektive?“%20Unter%20diesem%20vielleicht%20für%20massenmobilisierend%20gehaltenen%20Titel%20hatte%20der%20Kölner%20Presseclub,%20namentlich%20Dr.%20Hildegard%20Stausberg,%20gestern%20zu%20seinem%20ersten%20rechtsrheinischen%20Diskussionsabend%20geladen.%20Der%20gewählte%20Ort%20für%20das%20Stelldichein%20stadt-%20und%20bürgernaher%20Vertreter%20war%20kein%20weniger%20passender%20als%20das%20Odysseum,%20dessen%20Ruf%20als%20„Erlebnishaus%20des%20Wissens“%20schon%20früh%20%5B…%5D&sprop=Kalkpost