Rechtsrheinische Perspektiven

Köln rechts des Rheins: Schäl Sick, Terra incognita, Nährboden für Kreativität. Und was soll draus werden? Aspekte zu solchen Fragen stellten Stadtführer, -planer und -architekten kürzlich auf einem Symposium am Fuße des neuen Rhein-Turms im Horion-Haus vor.

Das besprochene Gebiet ist ein Flickenteppich. Allein Kalk ist durch rund 50 Unterführungen bzw. Brücken fragmentiert. Der Abriss Konkurs gegangener Betriebsstätten hat die bis dahin verdeckte Struktur der Barrieren durch Bahnen und Straßen sichtbar gemacht und bietet das Bild eines „kaputten Stadtgrundrisses, wo alles nicht mehr zusammen gehört“. Das Quartier ist geprägt vom Nebeneinander ganz verschiedener Nutzung. Dr. Walter Buschmann (LVR) möchte „Orte in neue Beziehungen setzen“ und wünscht sich eine „Struktur, die Entwicklungspotenziale neu stellt“.

Einst zogen viele arbeitsame Protestanten ins Rechtsrheinische, weil sie hier auf mehr Toleranz und Freiheit von Zunftregeln stießen. 1883 wurde Kalk – obwohl nur 9.000 Einwohner – von links des Rheins her der Stadtstatus zuerkannt. Die Eingemeindung war freilich von der wirtschaftlichen Prosperität des Stadtteils begünstigt. Damals noch.

Geprägt von paternalistischem Siedlungsbau, Zweckarchitektur und Monumentalbaukunst entfielen schließlich immer mehr geschichtlich tief verwurzelte Arbeitsstätten – alleine 15.000 gingen durch die Stilllegung der chemischen Fabrik verloren. Ihr Abriss hinterließ in den Augen des Stadtführers Boris Sieverts die „große Freiheit Kalk“. Sie ward indes längst preisgegeben an Polizeipräsidium, Einkaufszentrum, Baumarkt und Co. Köln-Kalk erfüllt eine „Entlastungsfunktion für die Innenstadt“, diagnostiziert Regina Stottrop (Büro für Stadtplanung), und fungiert als „Transitraum“. Dabei kommt die Lage als Tor zum Bergischen Land zu kurz. Stottrop stellt sich vor, das Potenzial als gesamtstädtischer Erholungs- und Erlebnisraum zu sichern und zugänglich zu machen. Kalk braucht mehr Naturraum.

Initiativen dahingehend hat es schon gegeben. Prof. em. Dieter Prinz empfiehlt, „nicht immer das Rad neu zu erfinden“. Bereits 1979 betonte ein Stadtentwicklungsplan die Freiflächen und den umgebenden Naturraum mit Wäldern. Der aktuelle Masterplan ist für ihn eine „Nullnummer für rechtsrheinische Planung“ und zeugt – gerade was den Umzug der FH angeht – von „moralischer Oberflächlichkeit und Herzlosigkeit“. Prinz fordert „Sensibilität im Umgang mit Orten und Menschen“ und dass „Stadtplanung als moralische Instanz“ fungiert. Der oftmals anvisierte Dialog zwischen Rheinlandschaft und bergischer Landschaft, Flusslandschaft und Berglandschaft müsse wieder aufgenommen werden. Das Chancenfeld werde nur zu einem Drittel ausgenutzt: Das Rechtsrheinische liegt in einem Dornröschenschlaf. Die Stadt übersieht den Schatz, den sie hier heben könnte.

Boris Sieverts plädiert für das Potenzial des Flickenteppichs, der Brachen und des vorherrschenden Chaos. „Das Rechtsrheinische muss aus seiner Eigenlogik entwickelt werden“. Eine Homogenisierung der beiden Stadthälften kann in seinen Augen nicht gelingen. Köln ist durch eine Doppelidentität geprägt, und die ist gut, weil sie für „Variationenreichtum und erzählerische Situationen“ sorgt.

Aus seiner Erfahrung mit dem Hamburger Schanzenviertel weist auch Prof. Klaus Overmeyer darauf hin, dass kreative Milieus gerade in räumlichen und gesellschaftlichen Spannungsfeldern entstehen, in transformativen Räumen, in denen die „Gleichzeitigkeit von Ungleichheit“ vorherrscht, wo Leerstände neben einem Buddhatempel neben einer Autosattlerei liegen: „Eine Mischung, die man als Städtebauer nicht hinbekommt“, bei der jeder Einzelne zum „Raumproduzenten“ wird. So ließen sich nicht nur Talente binden, sondern auch soziale Integration ermöglichen.

Ganz ähnlich sieht das Prof. em. Thomas Sieverts, der den Begriff des „Light Urbanism“ ins Feld führt: „Stadtentwicklung muss heute auf kurze Sicht fahren, weil wir uns von der Massengesellschaft zur Subkulturalisierung entwickeln. Wir brauchen eine ganz neue Städtebausystematik, als wir sie heute haben.“ Diese soll in weitem Rahmen frei bestimmbar sein, gebrauchsorientiert statt eigentumsorientiert, revidierbar statt festgelegt. Sieverts schlägt „private Selbstorganisation und handgreifliche Beschäftigung mit dem Gebiet statt nur Reflektion“ vor. Dies könnten Spiele im Gelände und auch Kunst – er nennt es „Artware“ – fördern. Bei all dem müsse der Staat jedoch die planerische Kernverantwortung übernehmen, damit nicht rein wirtschaftliche Interessen die bauliche Entwicklung prägten. Dadurch drohe nämlich ein weiterer Zerfall des Stadtgebiets.

Fünf Planungsteams von Architekten und Landschaftsarchitekten aus Deutschland und den Niederlanden beschäftigen sich derzeit mit Entwicklungsperspektiven für das Rechtsrheinische Köln und erarbeiten Konzepte, Visionen und Ideen. Ihre Ergebnisse werden am 3. Dezember von 9 bis 17 Uhr der Öffentlichkeit vorgestellt. Ort: Horion-Haus, Raum Rhein/Ruhr/Erft, Hermann-Pünder-Straße 1, 50679 Köln Deutz. Die Veranstaltung ist öffentlich und kostenfrei. Eine Anmeldung ist erforderlich. Sie kann ab dem 12.11.2010 per E-Mail an post@stottrop-stadtplanung.de erfolgen.

Henrik Link zur Veranstaltung
http://www.google.com/calendar/event?action=TEMPLATE&text=Rechtsrheinische%20Perspektiven&dates=20100921T122200Z/20100921T122200Z&details=Köln%20rechts%20des%20Rheins:%20Schäl%20Sick,%20Terra%20incognita,%20Nährboden%20für%20Kreativität.%20Und%20was%20soll%20draus%20werden?%20Aspekte%20zu%20solchen%20Fragen%20stellten%20Stadtführer,%20-planer%20und%20-architekten%20kürzlich%20auf%20einem%20Symposium%20am%20Fuße%20des%20neuen%20Rhein-Turms%20im%20Horion-Haus%20vor.%20Das%20besprochene%20Gebiet%20ist%20ein%20Flickenteppich.%20Allein%20Kalk%20ist%20durch%20rund%2050%20Unterführungen%20bzw.%20Brücken%20fragmentiert.%20Der%20Abriss%20%5B…%5D&sprop=Kalkpost