Mit gutem Beispiel voran

Seit April letzten Jahres steht das ehemalige Kantinengebäude der Firma Klöckner-Humboldt-Deutz nicht mehr leer. Es ist zum autonomen, das heißt selbstverwalteten Zentrum für Kunst und Kultur geworden und setzt damit ein politisches Zeichen, das besser gar nicht hätte platziert werden können. Vis à vis befinden sich die Abenteuerhallen Kalk, daneben ist bislang noch eine Freifläche, die zum Ärger der Anwohner als LKW-Stellplatz und illegaler Müllabladeplatz fungiert. Für die angrenzenden Neubauten, in denen viele junge Familien leben, wäre sie ein perfektes Spielplatzareal. Vielleicht hätten sich die Eltern die KHD-Besetzung zum Vorbild und dieses Gelände (Heinrich-Bützler/Christian-Sünner-Straße) mit dem Aufbau von Sandkästen und Schaukeln aneignen sollen. Dafür ist es jetzt zu spät. Trotz leerer Gebäude reihum wird auch diese Ecke Kalks demnächst zugebaut.

Die Entscheidung für das Zupflastern der letzten Grün- und Freiflächen mit teilweise stadtplanerisch völlig verwirrten wie hässlichen Nutzungskombinationen zwecks Pseudo-Kultur, Industrie und Konsum treffen Kölner Angestellte, die weder in Kalk wohnen, noch hier spazieren gehen. Kurzsichtiger Grund und fatale Folge: „Unter dem Druck der Schulden geben die Kommunen gerne den Sirenenklängen privater Investoren nach, die schnelle Lösungen versprechen. Auf der Strecke bleiben dabei die Interessen der Bürger – und auf lange Sicht die Grundlagen der Demokratie.“, so Dr. Werner Rügemer, Lehrbeauftragter an der Uni Köln, im Magazin „Menschen“ 2006, Titel: „Das süße Gift der Privatisierung“. Fünf Jahre später ist dieses Thema umso brisanter: Öffentliche Räume – eigentlich Staatseigentum und damit Eigentum aller Bürger – gehen zunehmend in die Privatwirtschaft über, die versprochenen Gewinne verkehren sich oftmals in Verluste. Die Bürger werden ungefragt enteignet.

Kalks Leerstände und Freiflächen wären sein großes Potenzial, um den Stadtteil mittels kultureller und begrünter Freiräume nachhaltig aufzuwerten, für mehr Bürgernähe, mehr Identifikation mit dem Stadtteil, für soziales Gemeinwohl und Zusammenhalt zu sorgen – alles Aufgaben des Staates. Was wohl den Kölner Stadtplanern nach aus der Wiersbergstraße 44 werden soll? Die Kantine wurde nach der Insolvenz der KHD der Sparkasse übertragen. Lange stand sie leer. Nun verlangt eine EU-Richtlinie, dass die Sparkasse von ihrem Immobiliengeschäft Abstand nimmt. Das Gebäude geht demnächst also in den Besitz der Stadt über. Wird sie auch in diesem Fall zuerst an „Kasse machen“ denken und das Gebäude räumen lassen?

Das Autonome Zentrum Kölns – im April wird es 1 Jahr alt und diesen Geburtstag feierlich begehen – könnte ein Grundstein sein für nachhaltige wie neuartige Quartiersentwicklung in Kalk: Bereits die Hälfte des Gebäudes wird aktiv genutzt – vom Atelier bis zum Konzertkeller, von der Fahrradwerkstatt bis zum Kino. Eine Siebdruckwerkstatt sowie ein Fotolabor sind in Arbeit. Rund 100 Aktive haben das Miteinander hier in den vergangenen Monaten vorbildlich organisiert. Es gibt Arbeitsgruppen (AGs), den AG-Koordinierungskreis („Akkordeon”) und ein Forum, das jedem offen steht und einmal im Monat zusammen kommt (aktuelle Termine).

Die Etablierung effizienter Kommunikationsstrukturen geschah nicht von heute auf morgen. Nachdem manche die Offenheit des Systems ausnutzten, einigte man sich auf Öffnungszeiten und die Einhaltung von Regeln: „Am Anfang konnten alle alles mitbestimmen“, erzählt Mäxchen, den ich zusammen mit Lotta im Kalker „Woyton“ treffe. „Es gab zu viele unterschiedliche Interessen, Vorschläge, die nicht realisierbar waren. Da wir einen respektvollen Umgang miteinander pflegen und daher auf Konsensentscheidungen setzen – jeder hat das Veto-Recht – entstanden viele Kompromisslösungen oder auch gar keine. Im Konsens haben wir dann eine neue Entscheidungsstruktur entwickelt: Das monatliche Forum ist eine Infoveranstaltung, in der man erfährt, was los ist, welche AGs es gibt – auch ein Einfallstor für Neue, um Kontakt aufzubauen und Berührungsängste zu nehmen. An maßgeblichen Entscheidungen sind jetzt nur noch diejenigen beteiligt, die in einer AG sind, also die wirklich Aktiven.“

Die Gründung einer AG steht jedem offen. Genauso ist es möglich, nur für kurz oder für länger einen Raum zu nutzen. Von den insgesamt rund 2.500 Quadratmeter Fläche ist noch die Hälfte vakant. (Wer sich jetzt angesprochen fühlt – auch im bürgerlichen Lager (!) –, sollte die Raum-AG anschreiben.) Nach einer Begehung des Bauaufsichtsamtes steht übrigens fest, dass das Gebäude sicher ist. Statiker und Brandschutzexperten erklärten übereinstimmend, das Erdgeschoss sei für öffentliche Veranstaltungen und der erste Stock als Büro- und Gruppenräume problemlos nutzbar. Wehrmutstropfen: Trotz des Angebotes an die Stadt Köln, die Kosten für Strom und Wasser zu begleichen, wurde und bleibt bislang beides abgestellt.

[Fotos: Roman Reiff]

Es lohnt ein Blick auf die Website des AZ Köln, insbesondere den faq-Bereich. Man erfährt hier die ganze interessante Historie von der „Kampagne Pyranha“ bis zur Schließung der Schnapsfabrik, dem ersten autonomen Kulturzentrum. Im Vergleich zu unzähligen Seiten im Netz nimmt sich diese richtig gut geschrieben, strukturiert und immer aktuell aus. Soviel professionelle engagierte Arbeit – das imponiert!

Henrik Link zur Veranstaltung
http://www.google.com/calendar/event?action=TEMPLATE&text=Mit%20gutem%20Beispiel%20voran&dates=20110208T151100Z/20110208T151100Z&details=Seit%20April%20letzten%20Jahres%20steht%20das%20ehemalige%20Kantinengebäude%20der%20Firma%20Klöckner-Humboldt-Deutz%20nicht%20mehr%20leer.%20Es%20ist%20zum%20autonomen,%20das%20heißt%20selbstverwalteten%20Zentrum%20für%20Kunst%20und%20Kultur%20geworden%20und%20setzt%20damit%20ein%20politisches%20Zeichen,%20das%20besser%20gar%20nicht%20hätte%20platziert%20werden%20können.%20Vis%20à%20vis%20befinden%20sich%20die%20Abenteuerhallen%20Kalk,%20daneben%20ist%20bislang%20noch%20eine%20Freifläche,%20%5B…%5D&sprop=Kalkpost