Filmen, was die Leute sehen wollen

S-Bahn-Uhr Trimbornstrasse

„Haben Sie auch manchmal ein mulmiges Gefühl, wenn Sie hier aus der S-Bahn aussteigen?“, werde ich von einem TV-Redakteur am Fuße der S-Bahn-Treppe gefragt. Ein extra Mann hält ein Mega-Mikro zu mir hin. Ein Dritter richtet die Kamera auf mich. Es ist der siebte November um halbneun abends. Es ist dunkel.

Vom Eingang der Vorstadtprinzessin aus hatte ich mitverfolgt, wie das dreiköpfige Filmteam seit geraumer Zeit Passanten abfing, die gerade an der Haltestelle Trimbornstraße ausgestiegen waren. Eigentlich wollte ich nur neugierig nachfragen, um was für eine Reportage es ging. Eh ich mich’s versah, war ich gleich Teil der Sendung.

Meine Antwort: „Nein, ich wohne hier seit acht Jahren und habe mich noch nie gefürchtet.“ – „Sie haben hier nie etwas gesehen, das Ihnen Angst machte?“ – „Man bekommt hier bisweilen Dealer zu sehen, aber deswegen fühle ich mich nicht bedroht.“ Auf diese Antwort kommt erst keine Reaktion, dann ein „Danke, das reicht uns.“

Zwei junge geschniegelte Türken mischen sich ein: „Hey, braucht Ihr Insider-Wissen? Wir kennen uns hier gut aus, mit Dealern und so!“ Der Interviewer winkt ab, schüttelt seinen blonden Pagenschnitt: „Nein danke.“ Mir geht ein Licht auf.

„Ich habe das Gefühl“, sage ich, „meine Antwort war nicht ganz die Antwort, die ihr hören wolltet. Worum geht es in Eurer Reportage?“ Ich erfahre, dass es um Stadtteile mit hohem Ausländeranteil geht: Ossendorf, Vingst, Kalk – eine Reportage für Stern-TV. Warum interviewen sie dann keine Ausländer? Das sei nicht der Fokus. Ihr Fokus seien also hellhaarige Frauen? Es ginge einfach um etwas anderes.

Ich (kann nicht anders:) „Es geht darum, ein pauschales Vorurteil mit einseitigen Berichten weiter zu bekräftigen. Durch solche Nachrichtensendungen haben Stadtteile wie Kalk nie eine Chance, ihr Image zu ändern.“ – „Wir haben von neun Frauen gehört, dass sie ein mulmiges Gefühl haben, wenn sie hier aussteigen.“ – „Die meisten Frauen haben draußen im Dunkeln Angst. Sie hätten sich hier auch tagsüber hinstellen können und sehr wahrscheinlich andere Antworten erhalten.“

Ich bekomme ein freundliches, verständnisvolles, leicht mitleidiges Lächeln. Der blonde Interviewer wechselt das Thema, äußert sein Bedauern, dass ich nun durch den Regen nach Hause muss und nass werde. Ich zeige auf die Vorstadtprinzessin, mein Ziel, einen Katzensprung entfernt. Ein Dutzend Leute tummeln sich vor der Tür. „Was ist denn da los!?“, fragt er fast ein bisschen erschreckt, und ich erzähle ihm vom Sinn und Zweck des Kran51-Mittwochs. „Ach, das wusste ich ja gar nicht“, sagt er, und es ist klar, dass es ihn in der nächsten Minute auch keinen Deut mehr interessieren wird.

Im Gegenteil: Zwei Tage später wird er im Kölner Express von einer „heftigen Schießerei in Kalk (unter) Brutalos (ganz ohne Tote)“ lesen, und sich im Nachhinein noch einmal Recht geben: Sein Fernsehbeitrag mit den ängstlichen Frauen an der S-Bahn-Station kommt wie gerufen.

Mulmige Gefühle wollen bei mir aber noch immer nicht aufkommen, eher ein bisschen Schadenfreude, dass oben dramatisierter Vorfall in einer ganz anderen Gaststätte statt fand als der von der Stadt aufs Strengste verwarnten. „Drei Männer erschienen in der Kneipe. Einer von ihnen hackte mit einem Beil auf Gäste und die Einrichtung der Gaststätte ein.“ schreibt der Express und macht deutlich, dass es jeden treffen kann: „Die Kneipengäste schlugen zurück – bis einer der Angreifer eine Pistole zog und einem 45-Jährigen ins Bein schoss. Der Mann hatte mit dem Streit gar nichts zu tun.“

Man muss halt in die richtigen Kneipen gehen.

Henrik Link zur Veranstaltung
http://www.google.com/calendar/event?action=TEMPLATE&text=Filmen,%20was%20die%20Leute%20sehen%20wollen&dates=20091011T141300Z/20091011T141300Z&details„Haben%20Sie%20auch%20manchmal%20ein%20mulmiges%20Gefühl,%20wenn%20Sie%20hier%20aus%20der%20S-Bahn%20aussteigen?“,%20werde%20ich%20von%20einem%20TV-Redakteur%20am%20Fuße%20der%20S-Bahn-Treppe%20gefragt.%20Ein%20extra%20Mann%20hält%20ein%20Mega-Mikro%20zu%20mir%20hin.%20Ein%20Dritter%20richtet%20die%20Kamera%20auf%20mich.%20Es%20ist%20der%20siebte%20November%20um%20halbneun%20abends.%20Es%20ist%20dunkel.%20Vom%20Eingang%20der%20Vorstadtprinzessin%20%5B…%5D&sprop=Kalkpost