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Kalk für alle

„Umsonstladen“, „Karussel auf dem Kalkberg“, „Bäume pflanzen“, „SELF Bank“, „Bauspielplatz“, „Weihnachtsbeleuchtung“, „Brunnen“, „Straßenbänke“. Gestern am 20.10.2012 wurden die ersten Vorschläge gesammelt, die Kalker Bürger zur lebenswerten Verbesserung ihres Stadtteils vorbrachten. Hier lässt sich das alles nachschlagen oder eigene Ideen nachreichen. Zeit dazu ist noch bis Ende November, aber man sollte am besten auch Gleichgesinnte suchen/finden, damit man am Ende die meisten Stimmen auf seiner Seite hat.

„Kalk für alle“ nennt sich Rami Hamzes Projekt, und „Kalk“ steht in diesem Titel auch für „Knete“, konkret: 10.000 Euro. Diese Summe hat der Filmemacher locker gemacht, um sie in bürgerschaftliches Engagement zu investieren. Wer mitmacht, entscheidet auch mit, wofür das Geld am Ende ausgegeben wird. Was dabei herauskommt, interessiert den WDR, und darum unterstützt der Sender den Film über das Projekt mit anteiliger Übernahme der Produktionskosten. Allein das große Ladenlokal in der Kalk-Mülheimer-Straße wird aus dieser Quelle 3 Monate gemietet. Hier ist ausreichend Platz für gemeinschaftliches Tun. Der ehemalige Fahrradladen wurde mit restaurierten 50er-Jahre-Möbeln bestückt und im Untergeschoss durch eine kleine Bar ergänzt. (Freitag, 18 Uhr, ist hier Kinozeit!)

Der Ruf nach so einem Raum, der Kalker Bürgern für alles offen steht, ist schon manches Mal laut geworden. Am liebsten hätte Rami Hamze einen direkt an der Kalker Hauptstraße eröffnet, denn auch hier findet sich so manche brache Ladenfläche. Der ehemalige Kaufhof wäre sensationell gewesen, aber die Miete zu hoch, und so ist es bei den meisten Laden-Leerständen. Die Eigentümer denken anscheinend so gut wie nie über monetären Gewinn hinaus. Dass sie sich vielleicht sogar persönlich in so ein Vorhaben mit einbringen können, es wenigstens mit kleiner Miete fördern und damit Anstöße für langfristige Entwicklung geben, von der sie auch wirtschaftlich profitieren könnten, auf diese  Idee kommen sie nicht. So kostet auch der ehemalige Fahrradladen eine ganze Menge Geld. Der Eigentümer kann sich jetzt schon klar darüber sein, dass man anschließend eher nach Raum-Alternativen als nach Mitteln suchen wird, zu bleiben. Jeder will schnelle Erlöse, daran krankt das ganze System, aber wer will sich beklagen, wenn er selbst Hypotheken abzutragen, pflegebedürftige Angehörige hat oder endlich mal auf die Seychellen will …

In eine ähnliche Richtung zielt die erste Kritik an diesem sommerlichen Samstagnachmittag Ende Oktober: Einer, der sich viele Gedanken zur prekären Lage Kalks gemacht hat, fragt, wie es nach dem Projekt denn weiter gehe. 10.000 Euro seien ja nicht wirklich viel, 3 Monate auch nicht. Ein anderer Kalker Bürger will das Gleiche wissen. „Ihr selbst seid diejenigen, die das fortsetzen müssen“, lautet Ramis Antwort, und diese Forderung ist gut, aber bestimmt auch am allerschwersten zu verwirklichen, viel schwerer noch als einen Konsens über die Verteilung der 10.000 Euro zu erzielen. Die Entscheidung darüber wird am 1.12. mittels einer Moderatorin getroffen. Laut Rami ist sie sich jedenfalls jetzt schon sicher, dass ein gemeinsamer Nenner in ein paar Stunden zu erzielen sei. Rami macht seine Sache gut und mit speziellem Humor, bisweilen so ironisch, dass es nicht jeder versteht.

Aber was ist, wenn danach keiner mehr da ist, der die ganze Sache anführt, der die Verantwortung trägt, idealerweise mit Geld im Rücken? Nicht, dass es in Kalk nicht die ein oder andere Type gäbe, engagiert im Herzen und voller Wissen über was Not tut und welche Hebel es gibt. Aber man muss auch ein Klassensprechertyp sein, eine(r), zu dem viele Vertrauen haben, ein Motivator und guter Moderator, am besten ohne Familie, mit wahnsinnig viel Zeit. Essen hat das große Glück, dass sich hier ein solcher Unternehmer niedergelassen hat, der in der verwahrlosten Nordstadt ein brach liegendes Haus nach dem anderen für kreative Leute aufbereitet und den ganzen Stadtteil wiederbelebt. Aber der gemeinte Reinhard Wiesemann sucht ständig mit allen das Gespräch, scheut keine Diskussion und braucht überhaupt kein Geld von der Stadt.

Es ist gar nicht leicht, Projekte mit vielen Teilnehmern auf Dauer in Fahrtrichtung zu halten. Wir sind alle gewöhnt, für Geld zu machen, was man uns sagt, aber freiwillig/unentgeltlich wollen wir doch lieber was eigenes bzw. machen, was wir selber gut finden. Auch die Autonomen vom AZ können ein Lied davon singen. Erst nach einer recht chaotischen Anlaufphase wurden dort Regeln und Moderationswege gefunden, die für größtmögliche Übereinkunft sorgen. Daher macht es Sinn, ein Ziel zu finden, hinter dem möglichst viele stehen, denn dann ziehen die meisten an einem Strang. Ein ständiger Raum für Aktivitäten gleich welcher Art zeigt sich in der ersten Stunde von „Kalk für alle“ schon als Wunsch von vielen. Die Frage nach dem AZ liegt da nahe, denn von den rund 2.500 Quadratmetern der ehemaligen KHD-Kantine ist noch sehr viel ungenutzt. „Leider“, so Rami auf die Erkundigung, „stellt sich mir das AZ eher verschlossen dar.“ Der Filmemacher hat versucht, dort Kontakte zu knüpfen bzw. jemanden einzuladen. Vielleicht mal die sog. Raum-AG dort anschreiben? Sicher wäre auch das Fortbestehen des AZ umso sicherer, je mehr Kalker Bürger vor Ort Präsenz zeigten. (Dort gibt es auch einen Umsonstladen.)

Einer befürwortet mit Nachdruck einen Raum für Hausaufgaben, in dem Kinder von Eltern mit Migrationshintergrund Unterstützung bekämen, die die Eltern ihnen nicht geben könnten. Er spricht aus eigener Erfahrung. Ein anderer Vater – den Zweijährigen auf dem Arm – klatscht leise. Leider sind beide schon wieder weg, als eine weitere Nachbarin mit Migrationshintergrund auf das Interkulturelle Referat am­­ Ottmar-Pohl-Platz 1 hinweist. Auch die Evangelische Kirchengemeinde Kalk-Humboldt scheint täglich Hausaufgabenbetreuung anzubieten.

Eins der entscheidenden Hemmnisse wird hier offenbar: Viele wissen nicht, wen und was es schon gibt. Da gibt es Menschen ohne Geld, die eine Baumscheibe bepflanzen möchten und noch nichts von der Pflanzstelle gehört haben. Oder vom Werkzeitraum, in dem Karsten Göbbels Raum und Werkzeug bereitstellt. Oder von der Hausaufgabenhilfe. Oder vom Veedelshausmeister, initiiert von der Kalkschmiede, ansässig im Büro der BAUSTELLE KALK: Andreas Breil kümmert sich um wilden Sperrmüll, kaputte Straßenbeleuchtung, ist „die lebende Schnittstelle, wenn es um Sauberkeit und Wohnqualität im Stadttteil geht“ … Darum schlägt auch einer ein „Schwarzes Brett“ an zentraler Stelle in Kalk vor, damit der Informationsfluss besser fließt und der Vernetzungsgrad steigen kann.

All das findet vor laufenden Kameras statt. Mehrere Toningenieure sind sofort mit Mikros an langen Angeln bei der Person, die Fragen stellt oder Vorschläge macht. Der beste Zauberer in der Fußgängerzone erregt nicht so viel Aufmerksamkeit wie die Erkennungszeichen eines professionellen Film-Drehs. Und so bleiben auch einige vor dem Schaufenster stehen, die ganz zufällig vorbeikommen, und so wird sich wohl auch der ein oder andere deshalb interessieren, weil er mit seiner Teilnahme Teil eines Fernsehfilms wird. Die Leute vom AZ hat genau das sicher abgeschreckt.

Fotos: Roman Reiff


isabelle reiff
 
eingetragen am: 21_Okt_2012 22:43 Uhr






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